16 August 2018    
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   NavigationTurniereAgon I, 3. Runde

Hochspannung bis zum Schluss gegen die Schachfreunde Schwerin

 

von Frank Hagenstein, 05.12.16

 

Oberliga, 3. Runde, zu Gast waren die Schachfreunde Schwerin.

 

Der Quervergleich ließ nichts Gutes erwarten. Mit 6,5:1,5 überrollten die Schachfreunde Schwerin ihren Namensvetter aus Hamburg in der 1. Runde der Oberliga Nord Nord. Sollte uns eine ähnliche Tortur erwarten? Die Vorzeichen standen insoweit etwas besser, als GM Henrik Danielsen nicht mit von der Partie war. Für mich selbst war dies eine ziemliche Enttäuschung. Denn ich war bis an die Zähne mit Eröffnungsideen bewaffnet, nachdem ich glaubte, Schwächen im Repertoire des GM ausfindig gemacht zu haben. Ein vermeintlicher Mangel zeigt sich manchmal schon im 1. Zug. Die Rede ist von der Vorliebe des GM, mit 1. f4?! die Bird- oder auch selbsternannte „Polarbär-Eröffnung“ zu spielen. Das mögen zwar die Schachfreunde Dietz und M. Kololli .-) anders sehen, aber wenn Holländisch schon nicht gut ist, dann kann „Holländisch im Anzug“ nicht besser sein. Ich hoffe, man verzeiht mir diese Spitze gegen seltsame Eröffnungen. ?

 

Noch schräger ging es an Brett 4 bei Eckart Ressler gegen Karsten Schulz zu. Staunende Theoretiker kannten nach dem 1. Zug die Theorie nicht, denn auf 1.b3 folgte 1. ...b6 – cool. Das muss in etwa das sein, was Magnus Carlsen anstrebt, um eine spielbare Stellung von Anfang an zu bekommen.

 

Schulz, den ich auf seinen starken 3. Platz bei der kürzlich beendeten Deutschen Einzelmeisterschaft in Lübeck ansprach, berichtete mir von hervorragenden Spielbedingungen und Versorgung „vom Feinsten“ im Hotel „Holiday Inn“ in Lübeck. Danke, Lübeck! Diese kleine Exkursion sei mir gestattet, weil ich finde, man kann die „Rettung“ der DEM 2016 durch den Lübecker Schachverein bei unsicherer Finanzierung gar nicht genug loben, zumal Thilo Koop als 1. Vorsitzender des LSV sogar bereit war, für ein eventuelles Minus mit seinem Privatvermögen einzustehen, wie der Presse entnommen werden konnte.

 

„Stellung ruhig halten“, gab Sebastian Kesten nach meiner Partie an Brett 1 gegen Ilya Spivak an, sei die erarbeitete Devise gegen mich gewesen und diese sei aufgegangen. In einer Burn-Variante des Franzosen freute ich mich schon darauf, das Gleichgewicht der Kräfte mit zersplitterter Bauernstruktur fürs Läuferpaar auf die Probe zu stellen, doch Spivak tauschte sofort zwei Leichtfigurenpaare ab, wodurch keine Dynamik, sondern Langeweile aufkam. Zwar ist es nett, mit den schwarzen Steinen so leicht auszugleichen, aber durch diese Risikominimierung eingeschläfert stellte ich meinen Springer nach c5, um den Ld3 anzugreifen. Nach Ausführung des Zuges dauerte es keine Sekunde, bis ich sah, was ich angerichtet hatte, aber dann krachte schon 13. L:h7+ in die Stellung. Nach 13. ...K:h7 14. Dh5+ Kg8 sammelte Weiß den ungedeckten Springer auf c5 mit der Dame ein und erfreute sich eines gesunden Mehrbauern. Mein Gott, was für ein Niveau, schämte ich mich.

 

Etwa zu diesem Zeitpunkt sah die Lage an den Brettern 3, 4, 5 und 8 bestenfalls unklar aus. Ausgeglichen schienen mir die nur die Stellungen an den Brettern 2, 6 und 7 zu sein, so dass man mit dem Schlimmsten rechnen musste.

 

Geschockt von meinem Patzer stand ich nicht mehr so häufig wie gewohnt auf, so dass ich nicht die genaue Reihenfolge der Entscheidungen wiedergeben kann. Es ging dann auf einmal Schlag auf Schlag:

 

An Brett 6 gewann Joachim Neumann gegen Arvid Grahl zwar eine Qualle, doch erwies sich das gegnerische Läuferpaar als so stark, dass Joachim zu Recht in die Punkteteilung einwilligte.

 

Etwa zum gleichen Zeitpunkt dürfte Wolgang Grohdes Partie gegen Wilfried Heinsohn an Brett 7 beendet worden sein. Ich glaube, Wolfgang stand nie wirklich schlechter, so dass das Remis gerechtfertigt gewesen sein dürfte.

 

Bei Eckart an Brett 4 entstand eine Stellung, die keiner so wirklich einzuschätzen vermochte. Eckart hatte zwei verbundene Freibauern Im Zentrum, sein König stand dafür aber luftig, was bei knapper Zeit und Schwerfiguren auf dem Brett sehr ungemütlich werden kann. Ich bin gespannt, was die Engine zu dieser ereignisreichen Partie für Ergebnisse ausspuckt. Auch hier ging die Punkteteilung wohl in Ordnung, wenngleich ich das Gefühl habe, das muss irgendwie gewonnen gewesen sein.

 

An Brett 5 kam Ralf Menzel gegen Christoph Wolf von Anfang an unter Druck. Bei jedem neuen Blick auf die Stellung verschlechterte sich Ralfs Lage, so dass Ralf schließlich eine Niederlage gegen einen meiner Meinung nach aktuell unterbewerteten Gegner quittieren musste.

 

An Brett 2 spielte Ashot Parvanjan mit den weißen Steinen gegen Sebastian Kesten mit einer Maroczy-Struktur, aber schlechtem Läufer. Ashot, der als Gastspieler beim HSK-Klubturnier (Hyperlink: www.hsk1830.de/pages/index=klubturnier.htm) riesige 8,5 aus 9 holte und mittlerweile eine Elo von sage und schreibe 2359 hat, kam in der Oberliga bislang noch nicht richtig in Tritt, steuerte aber sein erstes Remis bei. Der 15jährige Armenier hat das Potenzial, jeden Gegner in der Oberliga schlagen zu können. Ich bin davon überzeugt, dass er am Ende der Saison noch auf 50 % kommt.

 

Aufgrund einiger ungenauer Züge meines Gegners gelang es mir, gewissen Positionsdruck aufzubauen, wodurch ein Remis wieder in Reichweite rückte. Zum Glück nahm Spivak in Zeitnot mein Angebot an, denn nachdem ich mit einem Turm auf die 2. Reihe eingedrungen war, sah es so aus, als ob ich den Bauern zurückerobern würde. Es gab aber einen Haken, den man erst bei tieferer Betrachtung erkennt. Aber selbst wenn Spivak diese Finesse gefunden hätte, hätte ich Remischancen behalten. Unter dem Strich ein glückliches Remis.

 

Zwischenstand somit fünf Remisen und eine Niederlage, also 2,5:3,5. Ein Sieg musste her, doch wo sollte der herkommen? Jens` Stellung an Brett 3 gegen den niederländischen IM Migchiel de Jong war höchst bedenklich, vielleicht sogar verloren. Jörg Maaß an Brett 8 hatte einen Minusbauern und sein Gegner griff weiter an.

 

Was folgte, war der Mut und das Herz von Jörg Maaß. In einem Nimzo-Inder verzichtete sein Gegner Rainer Roehl mit den schwarzen Steinen auf die Rochade, um mit h7-h5-h4 auf den weißen König loszugehen. Die Remisofferte seines Gegners lehnte Jörg ab, weil er wusste, er muss gewinnen. Im Kampf um die Initiative opferte Jörg einen zweiten Bauern, um seinerseits gegen den unrochierten König vorzugehen. Roehl versäumte es, seinen schlechten schwarzfeldrigen abzutauschen. Jörgs Angriff nahm Gestalt an und schließlich gelang es ihm, gefährliche Drohungen aufzustellen, die offenbar nur unter schweren Verlusten zu parieren waren. Dann griff plötzlich der Schiedsrichter ein, denn Roehl überschritt in verlorener Stellung die Zeit. -3,5: 3,5. Das war in mannschaftsdienlicher Hinsicht ganz großes Kino, Jörg! Vielen Dank dafür!

 

Es lief nur noch Jens` Partie. Es war mucksmäuschenstill. Eine riesige Menge versammelte sich um das Brett: Spieler, Zuschauer, hinzugekommene Spieler unserer 2. Mannschaft nach ihrem Auswärtssieg in Itzehoe. Die Spannung war zum Greifen nah. Momente, für die sich das Schachspielen lohnt. Ein Turmendspiel mit Minusbauern stand auf dem Brett. Gegen zwei verbundene Freibauern setzte sich Jens mit einem eigenem Freibauern und einem aktiven König zur Wehr. Mit Umsicht und Technik gelang es Jens, die Freibauern knapp vor der Umwandlung zu stoppen. „Zum Glück habe ich mir Turmendspiele angesehen“, atmete Jens nach der Partie erleichtert auf. Er hatte es geschafft und wir freuten uns alle sehr.

 

Zwischenbilanz nach einem Drittel: Wir sind konkurrenzfähig. Der Punktgewinn gegen Schwerin war zwar glücklich, doch dafür hätten wir Königsspringer eigentlich schlagen müssen und gegen die Schachfreunde aus Hamburg war ein Punkt zumindest in Reichweite. Im Januar geht es gegen Diogenes weiter. Der Kampf wird zeigen, wo wir wirklich stehen. Gegen einen Markus Hochgräfe werde ich mir einen Patzer wie gestern nicht erlauben können.

 

Copyright © 2012 SC Agon Neumuenster Vereinsinformationen |  Links |  Impressum |  Mailinglisten